Das Hibiskusmädchen

Das Hibiskusmädchen

Aus dem Buch „Das Tal der Apfelbäume“ (Märchen und Kurzgeschichten)

von Andreas Petz

 

Am Rande eines Dorfes lebte einmal ein junges Mädchen. Einst hatte es von seinem Vater, der oft auf Reisen war, ein wundervolles Kleid geschenkt bekommen. Das Kleid hatte weiße, rosafarbene und zarte Grüntöne, so wie der Hibiskus während seiner Blütezeit. Deshalb wurde das Mädchen im ganzen Dorf schon bald das Hibiskusmädchen genannt.

Eines Tages, das Mädchen war allein zu Hause, da hörte es ein lautes Summen vor dem Haus. Als es vorsichtig die Türe öffnete, flog draußen ein ganzer Schwarm Bienen aufgeregt auf und ab. Schon wollte das Mädchen erschrocken die Türe schnell wieder schließen, da hörte es eine leise Stimme: „Bitte warte und hör uns an!“ Skeptisch, aber doch neugierig öffnete das Mädchen die Türe erneut. Die Bienen flogen weiter auf und ab, nur ein Bienchen flog näher an das Mädchen heran und fragte: „Bist du das Mädchen, das von allen Hibiskusmädchen genannt wird?“ Das Mädchen nickte.

„Dann brauchen wir deine Hilfe!“, sagte das Bienchen bestimmt. „Meine Hilfe?“, zweifelte das Mädchen, „aber wie soll ich euch helfen und wobei?“ Da flog eine weitere Biene heran und sprach aufgeregt: „Die Hibiskusblüten halten ihre Blütenblätter verschlossen; sie wollen ihre Blüten nicht mehr öffnen, und so kommen wir nicht mehr an den Nektar. Du musst mit ihnen reden.“

Dem Mädchen war nicht so recht klar, wie es den Bienen helfen konnte, aber sie konnte es ja zumindest versuchen. Sie verließ das Haus und folgte den aufgeregten Bienen, die im Schwarm vor ihr her zum Rand des Gartens flogen, wo viele Hibiskusbüsche standen.

Als sie dort ankamen, erkannte das Mädchen, dass die Bienen die Wahrheit sagten. Obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand, waren alle Blüten verschlossen. Zärtlich berührte sie eine der Blüten und diese öffnete sich neugierig ein klein wenig, um zu schauen, wer sie da berührt hatte. Das Mädchen sprach zu der Blüte: „Warum öffnet ihr denn eure Blüten nicht?“

Langsam, ganz langsam und vorsichtig öffnete sich die Blüte nun ganz, reckte ihre Blütenblätter und antwortete: „Nun, wenn wir unsere Blüten öffnen, dann kommen die Bienen und stehlen unseren Nektar.“
Das Mädchen war verwirrt. „Aber das ist doch natürlich, der Nektar soll doch für die Bienen sein. Ich verstehe nicht.“ Da öffnete sich eine andere Blüte und murrte: „Nur vom Behalten wird man reich!“ Und schon schloss sie sich wieder.

„Wie kommt ihr denn auf diesen dummen Gedanken?“, fragte das Mädchen nun. Da öffnete sich eine andere Blüte und erklärte: „Machen es die Menschen nicht genauso? Sie behalten alles, was sie besitzen, und geben es nicht mehr her. Dadurch werden sie reicher und reicher. So hat es uns der Fuchs erzählt.“

Das Mädchen musste staunen. „Nun ja“, meinte es dann, „manche Menschen machen das wohl so, aber ob sie dadurch glücklicher sind? Das bezweifle ich sehr! Überlegt doch einmal, wenn man seine Liebe in sich verschließt, sie nur für sich behält, was passiert dann? Sie wird nicht mehr, sondern sie verkümmert! Nur wenn man seine Liebe verschenkt, kann sie sich vermehren, und man bekommt oft mehr zurück, als man gibt.“

Da öffneten sich viele Blüten und lauschten nachdenklich. Das Mädchen sprach weiter: „Was geschieht denn, wenn ihr eure Blüten verschlossen haltet? Gut, ihr habt viel Nektar in euch, aber was nützt euch das? Ihr werdet sterben und aus euch werden keine Samen entstehen, denn dazu braucht ihr Pollen, den euch die Bienen bringen. Ohne die Bienen ist euer Leben sinnlos. Nur wenn ihr euch öffnet und eure Liebe den Bienen schenkt, bekommt ihr von ihnen, was ihr braucht.“

„Das Mädchen hat recht!“, sagte da eine Blüte von hoch oben und öffnete ihre Blütenblätter ganz weit. „Dieser dumme Fuchs!“, sprach eine andere Hibiskusblüte und öffnete ebenfalls ihre rosafarbenen Blütenblätter.
„Mir wird der viele Nektar sowieso zu schwer!“, behauptete eine weitere Blüte. Nach und nach öffneten sich alle Blüten an den vielen Büschen. Der Rand des Gartens erstrahlte in Weiß, Rosa und Grün, so wie das Kleid des Hibiskusmädchens.

Die Bienchen begannen eifrig mit ihrer Arbeit, nachdem sie sich beim Hibiskusmädchen bedankt hatten. Dieses betrachtete glücklich das Schauspiel der sich öffnenden Blüten und der fleißigen Bienen.


© 20.05.2017 Andreas Petz