Der gelbe Wind

Der gelbe Wind
(geschrieben für das Buch "Gelb" aus der Anthologie-Serie "Farbspiel", Karina-Verlag)

von Andreas Petz

Es war heiß und schwül in Saigon, als John Carpenter das Schiff „Papillon“ betrat. Morgen würde das Schiff in See stechen und der frische Wind auf dem Meer würde bestimmt Abkühlung bringen. Darauf zumindest hoffte John. Er konnte sich noch nicht so recht an seinen neuen Namen gewöhnen, denn eigentlich hieß er Paul Baumann und war Deutscher. Aber ein Deutscher Name in Saigon im Jahr 1948 würde nicht nur bei den Behörden Misstrauen erwecken. Außerdem war er vor erst drei Monaten aus der Fremdenlegion geflohen und man würde ihn sofort einsperren und sicherlich früher oder später wieder an die Franzosen ausliefern. Daran wollte er besser gar nicht erst denken.

Paul Baumann, nein John Carpenter war 24 Jahre jung. Eine Zeit, in der andere junge Menschen heirateten und Familien gründeten und auch John hatte Sehnsüchte in diese Richtung, aber sein bisheriges Leben als Erwachsener bestand nur aus Krieg, Flucht und Angst.

Mit 18 Jahren kam er an die Front. Er hatte schnell gelernt wie man am besten überlebt und dass ein Zögern im falschen Moment nur den eigenen Tod zur Folge hatte. So hatte er also nicht gezögert, den Krieg überlebt und kam letzten Endes in französische Kriegsgefangenschaft. Auch dort hatte er nicht gezögert, als man ihn vor die Wahl stellte, entweder 10 Jahre Kriegsgefangenschaft in einem französischen Kohlebergwerk abzuarbeiten oder sich für 5 Jahre bei der Fremdenlegion zu verpflichten.

Ihm war klar, dass die Franzosen ihn nach den fünf Jahren kaum gehen lassen würden. Nein, er hatte von Anfang an vor, bei der nächstbesten Gelegenheit zu fliehen. Gut, das hätte er vermutlich auch in einem Kohlebergwerk geschafft, aber wohin hätte er dann fliehen sollen? In sein kaputtes, besetztes Heimatland? Nein, John wollte in ein fernes Land und sich dort, wenn auch unter falschem Namen, ein lohnenswertes Leben aufbauen. Die Fremdenlegion führte ihn schließlich nach Indochina in einen grausamen Dschungelkrieg, der ihn, als Deutschen, eigentlich nichts anging. Aber er hatte nichts anderes als das Kriegshandwerk gelernt und darin war er gut, auch im Dschungel von Indochina. Schon bald vertrauten ihm die französischen Vorgesetzten und genau dieses Vertrauen nutzte er zu seiner Flucht.

Drei Monate war das schon her. Da John sehr sprachgewandt und intelligent war, konnte er sich schnell weit entfernen. Braungebrannt und mit dunklem Haar wurde er, etwas verkleidet, leicht für einen Einheimischen gehalten.

In Saigon hatte er durch Zufall andere Deutsche kennengelernt und durch sie Kontakt zu jemandem bekommen bei dem er einen gefälschten Ausweis erhielt. Nun war er also ein Australier mit dem Namen John Carpenter. Sein Englisch war einwandfrei und wenn niemand den falschen Pass erkannte, konnte ihm nichts passieren.

John stand an der Reling und schaute zu, wie die anderen Passagiere an Bord kamen. Es gab viele junge Männer wie ihn, die das Schiff bestiegen, aber auch große Familien mit plappernden Frauen. John musste schmunzeln, Frauen waren für ihn eine Seltenheit und das eifrige, gestenreiche Reden erheiterte ihn. Da plötzlich betrat eine wunderschöne junge Frau die Gangway. Johns Herz schlug höher. Solch eine Frau müsste man erobern können. Aber wie sollte ihm, dem fast mittellosen John Carpenter das gelingen. Der Frau folgten mehrere Bedienstete die ihr Gepäck trugen. Sie musste also reich sein.

 

„Der gelbe Wind wird kommen und deine Sehnsüchte stillen!“, John fühlte sich plötzlich angesprochen. Er schaute nach rechts, wo die Stimme herkam und nun entdeckte er ihn, hinter dem Wellenbrecher saß ein Aborigine. Er hatte ihn bisher nicht bemerkt. „Wie meinen sie das?“, fragte er nun den australischen Ureinwohner, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet in der heißen Sonne saß. Dieser wiederholte, während er aufstand: „Auf dieser Reise wird der gelbe Wind kommen. Er wird deine Sehnsüchte stillen.“ Der Aborigine grinste, drehte sich um und ging.

John wendete sich wieder der Gangway zu und versank in Gedanken an seine Sehnsüchte und an den gelben Wind. Irgendwann erwachte er wie aus einem Traum und ging in seine Kabine.

Es war die erste Nacht seit langem, in der er ruhig durchschlief. Er fühlte sich hier auf dem Schiff sicher. Er hatte viel geträumt, konnte sich aber keinen rechten Reim auf die Träume machen. Nur der Name des Schiffes fiel ihm wieder ein, „Papillon“, Schmetterling, auch davon hatte er geträumt. Er schüttelte den Kopf, erfrischte sich an dem Waschbecken in seiner Kabine und ging in den Frühstücksraum. Er hatte gehofft, die wunderschöne Frau dort zu treffen, die er gestern auf der Gangway gesehen hatte und war etwas enttäuscht als er sie nicht sah, vermutlich frühstückte sie in ihrer Kabine.

Das Schiff hatte bereits am frühen Morgen abgelegt und befand sich schon weit im Südchinesischen Meer. Manila sollte die nächste Station sein, bevor es, vorbei an den Philippinen, Richtung Süden gehen würde. Die Stadt Darwin sollte das Ende von John Carpenters Seereise sein, damit hätte er Australien erreicht. Sein australischer Pass war auf Perth ausgestellt, aber dort wollte John natürlich nicht hin.

Die Tage auf See zogen sich endlos in die Länge. Tag für Tag stampfte die alte, aber zuverlässige Maschine eintönig vor sich hin. Jeden Morgen und Abend bestaunte John das großartige Schauspiel, das die aufgehende oder die untergehende Sonne über dem weiten Meer bot.

Das Schiff war bereits südlich der Philippinen, als John eines Morgens den Aborigine wieder traf. Er ging zu ihm hin und fragte ihn: „Wie meinten sie das mit dem gelben Wind?“ Der Aborigine schwieg lange Zeit, er beobachtete Johns Gesichtszüge ganz genau, dann nahm er Johns Hände und drehte sie mit der Innenseite nach oben. Er schaute längere Zeit auf die Handflächen, dann lächelte er und sagte: „Als ich vor vielen Jahren auf meinem walk about war, sah ich ihn auf einem Traumpfad zum ersten Mal, den gelben Wind. Auf dieser Reise wird er wiederkommen und es wird das erste Mal sein, dass ich ihn auf dem großen Meer sehe. Sei bereit, wenn der gelbe Wind kommt werden deine Sehnsüchte ihre Erfüllung finden.“

„Aber was ist der gelbe Wind? Woran werde ich ihn erkennen?“, fragte John. Der Aborigine lachte aus vollem Herzen, er bog sich vor Lachen. Als er sich ein wenig beruhigt hatte hob er die Schulter und sagte wie selbstverständlich mit einem weiteren Lachen im Gesicht: „Er wird gelb sein!“, dann drehte er sich um, lachte erneut und ging.

Wenige Tage später, das Schiff hatte die Inselgruppe der Molukken passiert und befand sich in der Bandasee, als plötzlich ein Raunen unter den Passagieren zu hören war. John, der sich an Deck befand schaute in die Richtung und sah wie mehrere Menschen aufgeregt Richtung Nord-Westen zeigten. Wie aus dem Boden gewachsen stand auf einmal der Aborigine neben John, auch er zeigte Richtung Nord-Westen und sagte mit ruhiger Stimme: „Der gelbe Wind kommt!“ John strengte seine Augen an, zuerst sah er nichts, aber ein wenig später schien es ihm als ob sich dort in weiter Ferne tatsächlich ein gelber Wind auf das Schiff zubewegte. Immer näher kam dieser gelbe Wind und John fragte sich, aus was er wohl bestehen würde. Gefährlich konnte dieser gelbe Wind wohl nicht sein, sonst hätte der Ureinwohner wohl davor gewarnt. Immer näher kam der gelbe Wind. Es schien tatsächlich so, als würde er direkt auf das Schiff zu steuern. John schaute auf die Fahnen des Schiffes. Eigentlich war es sogar ziemlich windstill, nur der Fahrtwind flatterte um die Fahnen. Umso merkwürdiger, dass dieser gelbe Wind immer näherkam.

Noch ganz Soldat, schaute sich John nach einer Deckung um, wo er sich vor diesem Phänomen schützen konnte. Ins Innere des Schiffes zu gehen hielt er zwar nicht für notwendig, aber er wollte vorbereitet sein.

Immer näher kam der gelbe Wind. Die ersten Passagiere eilten ins Schiffsinnere um durch die Glasscheiben geschützt weiter Ausschau zu halten.

Der Wind bewegte sich wie eine große, gelbe Wolke und plötzlich erreichte er das Schiff. Riesengroße, gelbe Schmetterlinge flatterten aufgeregt umher und landeten überall auf dem Deck. Das ganze Schiff war von den Schmetterlingen umgeben, wie von einem dichten Nebel. John hatte sich in letzter Sekunde hinter die geschützte Ecke gerettet, aber selbst hier war er umgeben von den prächtigsten, gelben Schmetterlingen die er je gesehen hatte und das in unglaublich großer Zahl.

Urplötzlich stolperte aus dem gelben Nebel heraus eine weibliche Person in Johns Arme. Es war die wundervolle Frau, die er in Saigon gesehen hatte. Er hielt sie fest in seinen Armen und schaute in ihr Gesicht. Sie schaute ebenso in seines und dann zog John das weibliche Wesen einfach zu sich heran und küsste sie. Und sie küsste ihn und rund um sie herum wirbelte der gelbe Wind. Sanft streichelten die gelben Schmetterlingsflügel über ihre Wangen.

 

© 04.04.2016 Andreas Petz