Die Weide und die Kätzchen

Die Weide und die Kätzchen

 von Andreas Petz

 Aus dem Buch „Der Pfirsichblütenfisch“

Es war einmal in einem zauberhaften Land, da gab es in einem wunderschönen, breiten Tal ein kleines Dorf. Das Dorf bestand aus zwölf Häusern. Alle Bewohner des Dorfes waren Bauern und so gab es rund um das Dorf viele Felder.

Ein kleiner, lustig hüpfender Bach schlängelte sich durch das Tal und mitten im Dorf, da mündete er plötzlich in einen großen Teich, den Dorfteich, an dem ein großer Teil des Dorflebens stattfand.

Am Morgen kamen die Bauersfrauen zum Teich, um sich in großen Eimern Wasser zu holen, mit dem sie die Pflanzen in ihren Gärten gossen. Zu Mittag dann kamen die Frauen wieder, um Wasser zu holen, dieses Mal brauchten sie das Wasser, um Essen zu kochen.

Tja, und am Abend, da kamen die Frauen erneut, dieses Mal waren auch die Männer dabei, und alle wuschen sie sich den Schmutz ihrer Tagesarbeit mit dem Wasser des Teiches ab.

An der Stelle, an der das Wasser des Teiches wieder in das Bächlein zurückfloss, da wuchs seit einigen Jahren eine Weide. Sie war schon sehr groß und hatte lange, sehr bewegliche Äste, die fröhlich im Wind hin- und herschaukelten.

Etwas unterhalb der Weide wurden jeden Abend die Kühe getränkt, bevor sie zur Nachtruhe in den Stall gebracht wurden. Die Weide schaute dann immer etwas ängstlich zu den Kühen, denn diese könnten ja in Versuchung kommen, an ihren zarten Ästen zu knabbern. Aber da die Kühe den ganzen Tag auf der Wiese verbracht hatten, wo es zarte Gräser und leckeren Löwenzahn gab, waren sie wohl schon satt und so ließen sie die Weide in Ruhe.

Nachdem die Kühe gegangen waren und die Nacht hereinbrach, schlich fast jeden Abend eine Katze in der Nähe der Weide herum. Es war Maunz, die Katze eines Bauern aus dem Dorf. Tagsüber, wenn die Kühe auf der Weide und der Bauer und die Bäuerin auf dem Feld waren, dann schlich Maunz durch den Stall und das Haus und fing Mäuse, die sich dort am Getreide oder den Lebensmitteln der Familie zu schaffen machten. Aber am Abend und in der Nacht, da waren die Menschen im Haus und die Kühe im Stall, und Maunz zog es vor, in dieser Zeit draußen herumzuschleichen.

Hin und wieder traf sie sich dann auch mit Kuno, dem stattlichen Kater eines anderen Bauern aus dem Dorf.

Eines Tages kam Maunz jedoch schon am hellen Tag in die Nähe der Weide. Die Weide wunderte sich noch darüber, als hinter Maunz plötzlich fünf kleine Katzenkinder hinterhertapsten.

„Ah!“, dachte die Weide, „Maunz hat Kinder bekommen und zeigt ihnen nun das Dorf.“ Ach, wie süß die Kleinen ausschauten. Die kleinen Pfötchen, das flauschige Fell, die herzigen Näschen. Die Weide erfreute sich an dem Anblick.

Wenige Tage später waren die fünf Katzenkinder alleine am Teich. Sie spielten, sprangen sich gegenseitig an, schnupperten an den Blumen und kullerten durch das Gras. Nach einiger Zeit kletterte eines der Kätzchen auf einen kurzen Balken, der am Ufer des Teiches im Wasser lag. Neugierig folgten ihm die anderen Kätzchen.

Das letzte hüpfte eilig vom Ufer auf den Balken, dadurch löste sich der Balken vom Ufer und schwamm nun mit den kleinen Kätzchen als Passagiere mitten in den Teich hinein.

Ach herrje, nun gab es ein klägliches Miauen und furchtbar ängstlich tapsten die Kätzchen auf dem Balken umher.

Am Ufer stand plötzlich Maunz und miaute mit aller Kraft um Hilfe, aber niemand konnte sie hören, denn alle Bauern und Bäuerinnen waren bei der Arbeit auf den Feldern. Immer weiter schwamm der Balken mit den Kätzchen darauf in den Teich hinein. Da die Kätzchen nicht stillhielten, schaukelte der Balken immer mehr und drohte zu kippen.

Gerade als der Balken in Richtung des Bächleins schwamm, das aus dem Teich herausführte, war es dann auch soweit. In ihrer Angst waren die Kätzchen zu sehr hin- und hergesprungen, plötzlich kippte der Balken um und alle fünf Kätzchen fielen ins Wasser.

Maunz stand am Ufer und miaute so laut sie nur konnte, aber kein Mensch hörte sie.

Kein Mensch hörte sie, wohl aber die Weide.

Diese senkte schnell all ihre Äste ins Wasser hinab und das gerade im rechten Augenblick. Ein Kätzchen nach dem anderen klammerte sich mit den Pfötchen an den Ästen der Weide fest und diese zog nun mit aller Kraft die ängstlichen Kätzchen mit ihren langen Ästen ans Ufer.

Puuuuh! Nun schüttelten sich die geretteten Kätzchen erst einmal das Wasser aus dem Fell. Da kam auch schon Maunz angerannt und nachdem sie mit ihren Kindern ordentlich geschimpft hatte, leckte sie ihnen das Fell.

Dann ging sie zu der Weide, um sich bei ihr zu bedanken. Schnurrend rieb sie sich an ihrem Stamm und die Weide freute sich sehr darüber. Wie weich sich doch das Katzenfell anfühlte.

Einige Monate später, der Winter war gerade vorbei, da wuchsen plötzlich an den Ästen der Weide zuerst merkwürdige Knospen und ein wenig später wuchs aus jeder Knospe etwas heraus, das wie ein Katzenfell ausschaute. Es war grau und herrlich weich, wie das Fell von jungen Kätzchen. So etwas hatte die Weide bis dahin nicht erlebt.

Eines Abends kam Maunz zu der Weide und sagte: „Die weichen Kätzchen, die an deinen Ästen wachsen, sind zum Dank dafür, dass du meine Kinder gerettet hast.“

Von da an wuchsen der Weide jedes Jahr nach dem Winter viele, weiche Kätzchen und die Weide freute sich sehr darüber.

 

                                                                                                    © Andreas Petz