Die Tulpen an Mutters Grab

von Andreas Petz


aus dem Buch "Das Tal der Apfelbäume"

Im Jahr 1635 lebte in Holland, in der Nähe von Amsterdam, eine glückliche Familie mit sieben Kindern. Sie wohnten zur Miete in einem kleinen Haus mit einem wundervollen Garten. Der Mann und Vater war oft viele Monate unterwegs, da er sein Geld als Seemann auf einem Schiff verdiente.

Die Mutter verstand sich sehr gut auf die Gartenarbeit, und so konnte sie sich und die Kinder zu einem Großteil davon ernähren. Die Miete für das Haus und was sonst noch zum Leben notwendig war, wurde vom Einkommen des Vaters bestritten.

In einem abgeteilten, kleinen Bereich des Gartens blühten jedes Jahr die schönsten Tulpen, die man sich vorstellen konnte. Die Blüten waren in einem zauberhaften Violett, das von dünnen, weißen Streifen unterbrochen wurde. Sie waren der ganze Stolz der Mutter. Ihr Mann hatte sie zwei Jahre zuvor von einer seiner Seereisen mitgebracht. Tulpen waren zu dieser Zeit in Holland sehr beliebt, der Handel mit Tulpenzwiebeln nahm Jahr für Jahr größere Ausmaße an und es wurden zum Teil sehr hohe Preise dafür gezahlt. Hin und wieder kam jemand und wollte welche von den Tulpenzwiebeln aus dem Garten kaufen, aber die Frau war nicht dazu bereit, welche herzugeben.

Jedes Jahr im Herbst wurden die Tulpenzwiebeln vorsichtig ausgegraben und sorgsam verpackt im Haus eingelagert. Dort durften die empfindlichen Tulpenzwiebeln überwintern. Im nächsten Frühjahr wurden sie wieder hervorgeholt und im Garten eingepflanzt. Jedes Jahr waren die Kinder und auch die Mutter aufs Neue wundersam berührt, wenn die Tulpen in ihrem einzigartigen Violett erblühten.

Als die Mutter eines Tages plötzlich verstarb, entschlossen sich der Vater und die Kinder im darauffolgenden Frühjahr dazu, die Tulpen rund um das Grab der Mutter erblühen zu lassen, denn schließlich hatte die Mutter die Tulpen sehr geliebt.

Auch in diesem Jahr wurden die Tulpenzwiebeln im Herbst ausgegraben, überwinterten im Haus und wurden im Frühjahr wieder in die Erde am Grab der Mutter gesetzt. Der Vater fuhr nun nicht mehr zur See, sondern arbeitete als Zimmermann, damit er bei seinen Kindern sein konnte. Dennoch war es für die Familie eine schwere Zeit.

Eines Tages im frühen Sommer passierte dann ein Unglück: Der Vater stürzte bei seiner Arbeit vom Dach. Drei Tage lag er schwer verletzt auf seinem Bett, bevor er starb. Nun waren die sieben Kinder alleine. Da selbst der älteste Sohn erst 14 Jahre alt war, kamen die Kinder ins Waisenhaus, denn einem 14-jährigen Jungen konnte man nicht zumuten, für seine Geschwister zu sorgen, und Verwandte hatten sie nicht.

Im Waisenhaus ging es den Kindern nicht gut. Jungen und Mädchen wurden dort in verschiedenen Räumen untergebracht, und so waren die Geschwister zum Teil getrennt. Hin und wieder kam es vor, dass eines der Kinder aus dem Waisenhaus von einem Ehepaar adoptiert wurde. Vom Heimleiter und seiner Frau wurde das immer als großes Glück für das Kind beschrieben, aber die sieben Geschwister sorgten sich deshalb sehr. Würde man sie womöglich auseinanderreißen? Dann könnte es durchaus passieren, dass sie sich nie mehr wiedersehen würden, und das war für die Geschwister eine schreckliche Vorstellung.

Als der Herbst kam, trafen sich die Geschwister heimlich auf dem Dachboden des Waisenhauses; bald wäre es an der Zeit, die Tulpenzwiebeln am Grab der Mutter auszugraben und einzulagern. Aber wie sollten die Kinder das bewerkstelligen und wo sollten sie die Zwiebeln hintun? Joost, der Älteste, hatte eine Idee: „Was haltet ihr davon, wenn wir die Tulpenzwiebeln ausgraben und zur Versteigerung bringen? Dort kann man damit viel Geld verdienen und wir müssten dann nicht mehr länger hierbleiben. Mit dem Geld könnten wir uns sicherlich lange Zeit ernähren, zumindest so lange, bis ich erwachsen genug bin, um selbst Geld zu verdienen, dann kann ich für uns alle sorgen.“ Die Geschwister zögerten. Es fielen Worte wie „… aber unsere Mutter …“ und „… es sind doch ihre Lieblingsblumen!“

„Mutter hätte bestimmt nichts dagegen“, meinte Joost, „sicher würde sie die Tulpenzwiebeln gerne opfern, wenn sie wüsste, dass wir dann zusammenbleiben und sorglos leben könnten.“

Das sahen die Geschwister ein und schmiedeten einen Plan zur Flucht. Zwei Wochen später setzten sie ihren Plan in die Tat um. An einem Sonntag ging das gesamte Waisenhaus zur Kirche; der Heimvater lief vorneweg und seine Frau am Ende. Als die Waisenkinder auf dem Weg dorthin durch ein dichtes Menschengetümmel liefen, verschwanden die Geschwister plötzlich zwischen den vielen Menschen. Gemeinsam verließen sie die Stadt und machten sich auf den Weg in ihr Heimatdorf, zum Grab der Mutter.

Die Tulpen dort waren schon längst verblüht, und so konnten die Zwiebeln gefahrlos ausgegraben werden. Bevor sich die Kinder an die Arbeit machten, sprach Rieke, die älteste Tochter, jedoch erst noch ein Gebet. Sie bat die Mutter um Verzeihung wegen der Tulpenzwiebeln und den Herrn gleichzeitig um den Segen, damit die Geschwister zusammenbleiben konnten und ihr Vorhaben, die Tulpenzwiebeln zu verkaufen, erfolgreich sein würde.

Als sie die Tulpenzwiebeln ausgegraben hatten, schlichen sie sich zu dem kleinen Haus, in dem sie früher gewohnt hatten. Joost, der Älteste, ging zunächst alleine hin, um festzustellen, ob vielleicht ein anderer Mieter eingezogen war. Er fand das Haus leer, niemand wohnte darin, und der Garten war schon etwas verwahrlost. Schnell winkte er die Geschwister heran.

Wenige Tage später ging Joost zusammen mit seinem Bruder Maarten nach Amsterdam. Sie hatten die Tulpenzwiebeln dabei und gingen damit zur Tulpenbörse. Ihre kleine Schwester Linda hatte ein Bild gezeichnet und sie hatten es mitgenommen. Es zeigte die Tulpen in voller Blüte in der einzigartigen, violetten Farbe. So konnte ein Kaufinteressent sehen, wie die Tulpen aussehen würden.

Wider Erwarten hatten sie keine Schwierigkeiten, obwohl sie ja keine Erwachsenen waren. Die Tulpenzwiebeln wurden zur Versteigerung angenommen. Dann jedoch mussten die beiden viel Geduld aufbringen. Es gab unglaublich viele Tulpenzwiebeln zu ersteigern. Mit großen Augen beobachteten sie die Versteigerung. Unglaubliche Summen wurden zum Teil geboten. Dann war es endlich so weit. Der Auktionator hielt das Bild, das Linda gezeichnet hatte, in die Höhe und zeigte auf die Tulpenzwiebeln. Schnell flogen die Hände der interessierten Käufer nach oben und Joost griff aufgeregt nach der Hand seines Bruders. In kurzer Zeit wurden bereits 3.000 Gulden geboten. „3.000 Gulden!“, schrie Joost seinem Bruder Maarten ins Gesicht, „so viel hat Vater in 10 Jahren nicht verdient.“

Maarten wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er zeigte zu dem Auktionator, und als Joost ebenfalls seine Aufmerksamkeit dorthin lenkte, rief der Auktionator bereits „9.000 Gulden zum Ersten, … 10.000 Gulden!“

Die Brüder wurden bleich im Gesicht. Mit solch einer gigantischen Summe hatten sie nicht gerechnet. Freudig umarmten sie sich. Aber die Versteigerung ging weiter. Noch einmal hob der Auktionator das Bild der violetten Tulpen nach oben und erneut flogen ihm die Gebote zu. Für 33.000 Gulden gingen am Ende die Tulpenzwiebeln an einen stadtbekannten, reichen Kaufmann.

Nach Abzug der Gebühr für das Auktionshaus blieben 30.000 Gulden übrig. Nun waren die Kinder reich und ihre Zukunft gesichert. Sie kauften sich für 3.000 Gulden das Häuschen mit dem schönen Garten, in dem sie aufgewachsen waren und nahmen, gegen Bezahlung, eine kinderlose Witwe bei sich auf, die sich um sie kümmerte.

Im Februar des Jahres 1637 fielen urplötzlich die Preise für Tulpenzwiebeln, die bisher immer höher gestiegen waren, ins Bodenlose. Niemand wollte mehr Tulpenzwiebeln kaufen, und so mancher, der sein Geld in sie investiert hatte, wurde zum bettelarmen Mann.

 

Nachdem er sich mit seinen Geschwistern abgesprochen hatte, suchte Joost den ehemals reichen Kaufmann auf, der ihre Tulpenzwiebeln ersteigert hatte. Er traf jedoch nur die Frau an. Sie trug schwarze Kleider und trauerte, denn ihr Mann hatte sich, da er so plötzlich arm geworden war, das Leben genommen. 

Für 300 Gulden kaufte Joost der Frau die Tulpenzwiebeln wieder ab, und die Witwe war darüber überglücklich, denn sie wusste nicht, wovon sie sonst leben sollte, und der Preis war für diese Zeit mehr als großzügig.

Als im Frühling die Sonne herrlich warm vom Himmel strahlte, standen die Geschwister am Grab der Mutter und pflanzten die Tulpenzwiebeln wieder ein. Schon wenige Wochen später leuchteten rund um das Grab die einzigartigen, violetten Blütenkelche.

 

                                                                                                           © 04.2016 Andreas Petz